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Häufig gestellte Fragen

Q: Wie viele Gehörlose gibt es in Deutschland ?

A: Nun, Gehörlose gibt es ca. 85.000 ! Unter Gehörlose versteht man die Menschen, die von Geburt an taub oder vor Spracherwerb ertaubt sind (d.h. vor dem vollendeten 3. Lebensjahr). Diese sind mit Gebärdensprache groß geworden und beherrschen sie (als ihre Muttersprache) in einer faszinierenden Perfektion. Für die Spätertaubten und Schwerhörigen wird Gebärdensprache immer eine Fremdsprache bleiben.

Q: Warum sagt man nicht mehr “taubstumm” ?

A: Auf die lautsprachliche Ausbildung wurde schon im 16. Jahrhundert großer Wert gelegt. Sie sollte ihnen ermöglichen, mit ihrer hörenden Umwelt ohne größere Probleme kommunizieren zu können. Früher dachte man, wer taub sei, sei auch stumm und wer stumm sei, sei dumm, da sich das Denken nur durch lautsprachliche Kommunikation richtig entwickeln könne. Diese Auffassung ist, besonders angesichts der vielen gehörlosen Universitätsabsolventen in der heutigen Zeit schon lange überholt. Deshalb wird der alte Ausdruck “taubstumm” von Gehörlosen als Beleidigung empfunden. Sie sind nicht stumm und vor allem nicht dümmer als Hörende.

Q: Kann man in Gebärdensprache wirklich alles ausdrücken ?

A: Man kann (und Frau auch) !! Gebärdensprache ist eine Sprache, die sich der Räumlichkeit (dreidimensional) bedient und der Tatsache, dass mit dem Auge - im Gegensatz zum Ohr - mehrere Informationen gleichzeitig aufgenommen werden können. Dadurch entsteht eine Vielfalt an Ausrucksmöglichkeiten, mit denen die Lautsprache nicht dienen kann. Was nicht heißen soll, dass unsere Sprache ärmer ist. Sie ist einfach anders. In mancher Hinsicht mag sie ärmer sein, in andere wiederum reicher. Chinesisch ist auch völlig anders; und doch kann man damit dieselben Inhalte ausdrücken wie mit der deutschen Sprache, nur eben auf anderem Weg.

Q: Hat Gebärdensprache eine eigene Grammatik ?

A: Ja ! Die o.g. Möglichkeit, mit den Augen mehrere Informationen gleichzeitig aufnehmen zu können, bedingt, dass sich in der Gebärdensprache auch eine andere Grammatik als in der Lautsprache herausgebildet hat. Während man in der Lautsprache darauf angewiesen ist, Wörter in einer bestimmten Reihenfolge hintereinander zu sprechen (Lautsprache ist linear), kann man in der Gebärdensprache einen Satzinhalt mit oft schon einer einzigen Gebärde ausdrücken (Gebärdensprache ist simultan). Handstellung, Handform, Ausführungsstelle, Bewegungsart und Bewegungsrichtung sind hier die ausschlaggebenden Parameter, die alle gleichzeitig erfasst werden können. Ich selbst bin nur mit der Grammatik der Deutschen Gebärdensprache (DGS) wirklich vertraut, weiß aber, dass auch anderen Gebärdensprachen die o.g. Parameter zugrunde liegen. Es wird sich also jede Gebärdensprache von ihrer nationalen Lautsprache unterscheiden.

Q: Warum schreiben Gehörlose manchmal falsches Deutsch ?

A: Für Gehörlose, deren Muttersprache die Gebärdensprache ist, ist Deutsch eine Fremdsprache. Der eine kann sie besser, der andere schlechter. Das ist dasselbe wie bei Hörenden: Der eine kann besser Englisch, der andere nicht so gut.

Q: Ist Gebärdensprache international ?

A: Nein. Gebärdensprachen wurden nicht erfunden. Sie haben sich überall auf der Welt, wo Gehörlose zusammenkamen, entwickelt, ebenso, wie unsere Lautsprachen. Der Versuch uns durch Esperanto zu “vereinen”, ist kläglich gescheitert. Ebenso wäre es mit den Gebärdensprachen. Zu tief verwurzelt in uns ist unsere Kultur, ein großer Teil welcher unsere jeweilige Sprache ist. Den Gehörlosen geht es genauso. Auch hier geht der Trend in Richtung Amerika. Immer häufiger wird auf Kongressen ASL (American Sign Language) gebärdet, die für nicht-amerikanische Gehörlose aber immer eine erlernte Fremdsprache bleiben wird. (Ich habe selbst vier Semester ASL gelernt. Und obwohl ich der deutschen Gebärdensprache mächtig bin, kam ich mir am Anfang vor, wie in der 5. Klasse im Englischunterricht. Selbst meine Englischkenntnisse halfen mir da nicht groß weiter, da die Grammatik ja eine andere ist als in der gesprochenen englischen Sprache).

Q: Gibt es in der Gebärdensprache auch Dialekte ?

A: Ja. Ebenso, wie sich in den einzelnen Ländern Verschiedenartigkeiten herausgebildet haben, so ist dies auch in den unterschiedlichen Regionen eines Landes der Fall. Manchmal habe ich das Gefühl, Italienische Gebärdensprache ist der Bayrischen noch ähnlicher als Norddeutsche Gebärdensprache. Ich kam aus Bayern nach Hamburg und dachte, die gebärden alle in einem hinterindischen Dialekt ! Die italienischen Gehörlosen habe ich fast besser verstanden.

Q: Können Gehörlose Lippenlesen ?

A: Ja und nein. Im Deutschen kann man nur 30% der Laute im Mundbild sehen, da die anderen 70% weiter im Mundinneren und im Rachen- und Kehlkopfbereich produziert werden, und da kann man nicht hineinschauen beim Lippenlesen. Deshalb ist die Person, die von den Lippen liest, sehr auf ihre Kombinationsgabe und vom Kontextwissen abhängig. Wenn die sprechende Person allerdings nuschelt, sehr schnell spricht, sich beim Sprechen abwendet, einen Schnurrbart trägt, der über die Lippen wächst, oder eine Lichtquelle im Rücken hat, ist das Ablesen noch schwieriger, und man kann nur noch unter 30% sehen.

Q: Was ist LbG ?

A: LbG steht für Lautsprach begleitende Gebärden. Hierbei handelt es sich um Gebärden aus der Deutsche Gebärdensprache (DGS), die Wort für Wort, d.h. Gebärde für Gebärde aneinandergereiht werden, entsprechend der jeweiligen Lautsprache und deren Grammatik. Jedes Wort wird von einer Gebärde begleitet.